Poetry SlamsBühnenliteratur und Dichterwettstreit aus Amerika
Bei einem Poetry Slam kämpfen Autoren um die beste Performance eines Textes. Es hat sich in den letzten Jahren eine florierende Szene entwickelt.
Ein Oktoberabend im Berliner Admiralspalast. Das Haus ist voll, 1.700 tobende, jubelnde Zuschauer. Und auf der Bühne? Ein einzelner Mann in Jeans und T-Shirt, der etwas über seine Mutter und Geheimratsecken erzählt. Das ist ein Poetry Slam. Zugegeben: Die Ausmaße dieses Slams waren so gigantisch, weil es sich an diesem Abend um das Finale der deutschsprachigen Poetry Slam-Meisterschaften handelte. Doch auch wenn in kleineren Städten in Kneipen, Bars und Kulturzentren Slams stattfinden, begeistertes Publikum stellt sich auch dort ein. Das Publikum ist nicht nur begeistert, sondern auch sehr aktiv: Die Leute feuern die Autoren während ihres Vortrags an, brüllen Kommentare durch den Raum, schicken eventuell mal ein „Buh!“ zur Bühne. Die RegelnUnd wer heute noch im Zuschauerraum sitzt, ist vielleicht schon beim nächsten Mal mit auf der Bühne, denn an einem Slam darf jeder teilnehmen. Jeder, der einen selbst geschriebenen Text mitbringt, seien es Gedichte, eine Kurzgeschichte oder was auch immer, bekommt fünf Minuten Zeit und ein offenes Mikro, um diesen Text zu präsentieren. Aus dem Publikum wird eine Jury gewählt, die den Slammer anschließend bewertet. Dabei zählt sowohl die Qualität des Textes als auch die des Vortrags. Für die Gestaltung des Auftritts hat der Slammer fast jede Freiheit, er darf über die Bühne robben, schreien, kreischen, um das Mikro tanzen … nur Hilfsmittel sind nicht erlaubt, es gibt keine Kostüme, und komplett gesungen werden darf der Text auch nicht. Das sind die Grundregeln, die jeder Veranstalter ein wenig abändern darf. So kommt es, dass der eine Slam Vortragenden sieben Minuten Zeit gibt, hier per Benotung von 1 bis 10 bewertet wird und dort mit dem Applausometer. Gleich ist jedoch immer, dass der Preis für den Sieger eher gering ausfällt und von einer Flasche Sekt oder etwas Ähnlichem verkörpert wird. Nicht der Sieg soll wichtig sein, sondern die Literatur. Ein hehrer Anspruch, dem die Realität mit ihren Verlockungen in Form von Ruhm, Veröffentlichungen, Prestige nicht nachkommen kann. Wie alles begannAnfang der 1980er Jahre saß Marc Smith in Chicago bei Lesungen im Publikum und langweilte sich. Vorne saß ein Autor, nuschelte seinen Text vor sich hin und nahm zwischendurch einen Schluck aus dem Wasserglas. Marc Smith konnte nicht fassen, wie schlecht die Literatur bei diesen Lesungen wegkam, warum sie es nicht schaffte – wie die Musik in einem Konzert – die Menschen zu berühren, also erfand er einen ganz neuen Rahmen für Lesungen, eben den Poetry Slam. Dieses Format war neu und konnte doch auf eine lange Tradition zurückblicken: Dichterwettkämpfe gab es schon zu allen Zeiten und in allen Kulturen, man denke nur an den Sängerstreit auf der Wartburg. Der Literatur eine neue Entfaltungsmöglichkeit zu geben, war nur ein Aspekt der Poetry Slams. Ebenso wichtig war der Anspruch, Menschen, die keine Lobby haben, eine Plattform zu bieten, ihnen fünf Minuten zu geben, um das zu Gehör zu bringen, was sie zu sagen haben. Von Beginn an waren Poetry Slams ein großer Erfolg. Sie eroberten zuerst die Bars und Kleinkunstbühnen Amerikas und gelangten dann nach Europa. Seit Mitte der 1990er Jahre sind sie in der deutschen Literaturszene fest verankert. Hierzulande ist der soziale und kritische Anspruch der Slams jedoch marginal, im Vordergrund stehen Spaß und Entertainment. Literatur an der BasisTrotz dieser Spaßausrichtung und eines ab und an zu beobachtenden Einheitshumors sind Poetry Slams aus der literarischen Szene nicht mehr wegzudenken und liefern einen wichtigen Beitrag. Nachwuchsautoren bieten sie die Möglichkeit, Texte an einem Publikum zu testen, andere Autoren zu treffen und eine Szenezugehörigkeit zu entwickeln, die sonst sehr viel schwieriger aufzubauen ist. Slam Poetry ist im Alltag verhaftet und erleichtert dadurch Menschen den Zugang zur Literatur, die davor zögern würden, ein Buch in die Hand zu nehmen. Schulen machen sich das bereits zunutze, in dem sie Slammer in den Klassen Workshops veranstalten lassen. Während es weiten Teilen der Literatur noch immer schwerfällt, ein Publikum für sich zu begeistern, sind die Poetry Slams inzwischen im Fernsehen angekommen – eine Entwicklung, die man nicht unbedingt als erstrebenswert betrachten muss: es ist jedoch zweifellos erstaunlich für ein Lesungsformat.
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