Nachbar günstig abzugeben – Jana KrivanekRezension zum liebestollen Debütroman der Autorin
Gute Einfälle alleine reichen für einen Roman nicht aus. Deswegen kann man das Debüt von Jana Krivanek mit allem Wohlwollen höchstens als Debakel bezeichnen.
Wenn sich ein Schriftsteller in einem Roman zu sehr um eine locker-flockige Sprache bemüht, kann das beim Lesen auf Dauer recht anstrengend werden. Wenn er oder sie es dabei aber auch noch übertreibt, ist die Lektüre oft nur noch lästig, weil einfach die Glaubwürdigkeit fehlt oder die Geschichte an sich ins Lächerliche gezogen wird. Das alles trifft leider auf den Debütroman „Nachbar günstig abzugeben“ von Jana Krivanek zu, denn sie banalisiert die oberflächliche Verliebtheit ihrer Protagonisten so sehr, dass man denken könnte, ein Pappaufsteller hätte mehr Gefühle. Die Geschichte um Marie und ihren NachbarnEs ist Mittwoch. Der Wecker klingelt. Marie wacht verkatert auf. Da war doch was vergangene Nacht. Richtig! Sie hat mit ihrem Nachbarn geschlafen! Oh Schreck, sie hat doch einen Freund! Genau das ist der Aufhänger in „Nachbar günstig abzugeben“. Im Folgenden muss man als Leser nun auf gut 200 Seiten das unkontrollierte Geblubber aus der Sicht von Marie ertragen. Hätte sie doch nur, kann sie vielleicht nicht, oder doch, ach, sie weiß es selbst nicht so genau. Diese konfusen Gedankengänge, die eine schizophrene Mischung aus alltäglichen Banalitäten und pseudointellektuellen Lebensweisheiten bilden, sollen anscheinend das weibliche Gefühlsleben imitieren, arten dabei aber in ein frauenfeindliches Klischee aus. Immerhin wird Marie hier nur darauf reduziert, dass sie gerne Alkohol trinkt, Schuhe kauft, chronisch zu spät zur Arbeit kommt, ihren verflossenen Liebesbeziehungen nachweint und stundenlang mit ihren Freundinnen am Telefon plappert. Und wenn sie sich dann endlich zwischendurch auf ihr konfuses Liebesleben konzentriert, dann ver- und endliebt sie sich in ihren Nachbarn ebenso oft wie in ihren Freund. Das ist keine Achterbahn der Gefühle. Das ist Chaos pur. Die Sprache in „Nachbar günstig abzugeben“Dieses Durcheinander wird durch die Sprache der Ich-Erzählerin zusätzlich verstärkt. Jana Krivanek verwendet für die Marie einen ungeordneten Telegrammstil, der sich durch möglichst wenig Personalpronomen auszeichnet. In der ganzen Geschichte wimmelt es so vor lauter Halbsätzen, bei denen jeder Deutschlehrer die Hände über den Kopf zusammenschlagen würde. Wenn man Zeichen schinden will, mag diese Form von Sprache bei Twitter durchaus sinnvoll sein, in einem Roman ist sie aber eher unangebracht. Hinzu kommt, dass „Nachbar günstig abzugeben“ wie eine Art verkapptes Tagebuch angelegt ist – „Bridget Jones“ lässt grüßen. Nur ist es kein richtiges Tagebuch. Zum einen fehlen die üblichen Angaben von Datum und Co. Die Autorin verwendet da lieber möglichst sinnfreie Kapitelüberschriften, die nur mit Müh und Not zum jeweiligen Inhalt passen. Zum anderen ist der Sinn und Zweck eines Tagebuchs, die Gefühle und Gedanken einer Person zum Ausdruck zu bringen und sie dadurch zu charakterisieren. Marie aber scheint keinen Charakter zu haben, denn alles, was sie so von sich gibt, ist derart banal und oberflächlich, dass sich die wahre Marie ohne Probleme hinter all diesen Floskeln verstecken kann – wenn es denn überhaupt eine wahre Marie gibt. Langeweile pur in „Nachbar günstig abzugeben“Jana Krivanek konstruiert hier eine derart laue und offensichtliche Liebesgeschichte, die langweiliger gar nicht sein könnte. Jede Realität ist interessanter als diese Fiktion. Aber etwas Gutes hat „Nachbar günstig abzugeben“ dann doch: Der Roman wurde auf umweltfreundlichen Papier gedruckt. Also mussten für dieses Debüt-Debakel wenigstens keine Bäume ihr Leben lassen. Jana Krivanek: Nachbar günstig abzugeben. Ubooks 2009. Taschenbuch, 205 Seiten. Euro 9,95.
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