Ein wenig sterben – Roman von Stefan Kalbers

Rezension zum zweiten Buch des deutschen Gegenwartsautors

07.09.2009 Nicole Korzonnek

Leider kann Stefan Kalbers mit seinem zweiten Roman nicht an seinen Debüterfolg „Atmen" anknüpfen. Im Gegenteil. „Ein wenig sterben" ist nur ein harmloser Abklatsch.

In seinem ersten Roman „Atmen“ stellte Stefan Kalbers mit seinem schizoiden und drogenabhängigen Protagonisten im Halluzinationsrausch die gesellschaftlichen Wertvorstellungen von Gut und Böse auf den Kopf. Er beschrieb mit seiner sperrigen und oft aneckenden Sprache ein Leben, das vollkommen aus den Rudern läuft und in einer Katastrophe endet. Literarisch weniger sperrig und aneckend folgt nun der zweite Roman. Wesentlich konventioneller geschrieben, ist „Ein wenig sterben“ zwar leichter zu konsumieren, doch geht das auf Kosten des Inhalts. Kalbers nimmt auch hier Moral und Tugend aufs Korn, liefert damit aber lediglich einen billigen Abklatsch seines Erstlings.

Selbstmordversuch in „Ein wenig sterben“

Image ist alles. Zumindest für Georg, der ziemlich erfolgreich Versicherungen an ahnungslose und leicht zu manipulierende Menschen vertickt. Das ändert sich erst, als sein Freund Flammer nach einem Selbstmordversuch im Krankenhaus landet. Flammer wollte sich im Wald erhängen, wurde aber von Spaziergängern in letzter Minute gefunden und gerettet. Und nun liegt er, von Gurten fixiert, in seinem Klinikbett und kann sich an nichts erinnern. Selbst seinen Vater und Georg erkennt er nicht. Flammers Gehirn war einfach zu lange ohne Sauerstoff. Zukunftsaussichten: Pflegefall und Heimaufenthalt.

Vom Versicherungsvertreter zum Drogensüchtigen

Georgs scheinbar stabiles Leben gerät durch dieses Ereignis ins Wanken. Zum ersten Mal seit langem denkt er nicht nur über sich selbst, sondern auch über seinen Freund nach. Wie konnte es so weit kommen? Warum hat er nichts bemerkt? Georg möchte nachvollziehen können, warum Flammer sich umbringen wollte. Er findet heraus, dass dieser eine Freundin hatte, die vom Erdboden verschluckt zu sein scheint.

Die ganze Geschichte ist auf Georg als Ich-Erzähler ausgelegt. Das ist sehr passend, denn so sehr er die Geschehnisse reflektieren will, landet der Versicherungsvertreter letztlich immer wieder bei sich selbst – und stellt sich zum ersten Mal selbst in Frage. Ob all dieser bröckelnden Selbstverliebtheit verwundert es dann auch nicht, dass Georg mental abstürzt. Er geht nicht mehr zur Arbeit, kümmert sich nicht um die Probleme, die sich dort anbahnen, sondern säuft und konsumiert zum Schluss alle Drogen, die er irgendwie in die Finger bekommen kann. Seine ganz persönliche Abwärtsspirale, die ihn mit jedem Atemzug ein wenig sterben lässt, beginnt.

Stefan Kalbers und seine Klischees

Und genau darin liegt das große Manko des Romans. Ist der Anfang noch nachvollziehbar, fehlt den Handlungen am Ende die Motivation. Die Ereignisse überstürzen sich und werden immer unglaubwürdiger. Da bleibt kein Mensch übrig, sondern ein überkonstruiertes Klischee. Bereits in „Atmen“ hat Kalbers mit Klischees gespielt. Doch hier servierte er sie seinen Lesern auf einem Silbertablett von der ersten Seite an und überspitze sie derart stark, dass sie lebendig wurden. Die Geschichte um Georg allerdings wirkt da nur wie ein fades Remake. Das liegt zum einen an der wiederverwerteten Idee mit dem extremen Drogenkonsum. Nüchterne Menschen scheinen nicht unbedingt Kalbers Ding zu sein. Zum anderen liegt es an der weichgespülten Sprache, die zuvor so wunderbar unbequem brillieren konnte, nun aber nur noch den Mainstream bedient. Aus der literarischen Wundertüte Stefan Kalbers ist mit „Ein wenig sterben“ kalter Kaffee geworden. Schade.

Stefan Kalbers: Ein wenig sterben. Ubooks 2009. Taschenbuch, 176 Seiten. Euro 9,95.

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