Ein lebendiger Tag - von Holger Doetsch

Der Autor zieht in seiner Erzählung 24 Stunden durch sein Berlin

27.02.2010 Helmi Schäfer

In "Ein lebendiger Tag" flaniert Doetsch durch Berlin und sucht die ihm wichtigsten Orte auf. Dabei werden Themen wie Homosexualität und Tod schonungslos bearbeitet.

In seinem neuen Buch "Ein lebendiger Tag" besucht Holger Doetsch die ihm in Berlin besonders wichtigen Orte am 26. März 2009 innerhalb von 24 Stunden. Die daraus entstandene Erzählung ist eine Reflexion des Autoren über die eigene Person. Häufig blickt er dabei zurück in sein bisheriges Leben, beschreibt jedoch nicht minder [selbst-] kritisch und detailgenau auch die gegenwärtige Situationen in seiner sensiblen Empfindsamkeit.

Fragen und Antworten zum Thema "Tod" werden intellektuell und sehr persönlich behandelt

Im Gespräch spricht der Autor von seiner "Angst vor dem Verschwinden des Menschen" und der damit verbundenen Frage, was von ihm nach dem Ableben eigentlich noch übrig bleibe. Zahlreiche Ansätze zur Antwort findet er bei diversen Intellektuellen von der Antike bis zur Gegenwart. Der Leser merkt dem Werk dennoch an, dass Holger Doetsch noch immer auf der Suche nach einer für ihn selbst befriedigenden Erkenntnis zu sein scheint.

"Ein lebendiger Tag" ist auch ein "schwules Buch"

Doetsch macht aus seiner Homosexualität bereits seit vielen Jahren keinen Hehl. Manchmal mag man sogar den Eindruck haben, dass er in den Massenmedien – zumindest früher – regelrecht damit kokettierte. Gerade weil die nun vorgelegte Erzählung sich ausgesprochen zentral mit der eigenen Person auseinandersetzt, wird auf dieses Merkmal auch großer Wert gelegt. Vom gelegentlichen Liebesabenteuer eines Schwulen an Orten, von denen man eigentlich gar nicht wirklich jedes Detail kennen möchte, bis hin zu seiner bisher großen Liebe, deren Tod er bereits in "Elysander" verarbeitet hat, findet das aktuelle Werk in einer bestechend scharfen Sprache einen ausgesprochen authentischen Ton.

Holger Doetsch zeigt dem Leser sein Berlin

Formal ist das Buch nach einer Einleitung von Karl Mai in 21 Kapitel gegliedert. Diese entsprechen den jeweils aufgesuchten Örtlichkeiten, die manchmal einem ganzen Stadtviertel – beispielsweise dem Nollendorf-Kiez in Schöneberg –, ein andermal nur einer Location – wie dem Café Schoenbrunn im Volkspark Friedrichshain – gewidmet sind. So betrachtet ist die Erzählung ebenfalls als guter Reiseführer zu benutzen, denn die jeweiligen Orte werden sehr exakt beschrieben und mit wissenswerten Hintergründen erklärt. Innerhalb der Kapitel gibt es noch untergliederte Abschnitte, die dem Leser ähnlich wie in "Elysander", auch die notwendigen Pausen ermöglichen, um über das Geschriebene zu reflektieren oder eine der zahlreichen Quellenangaben zu zitierten Intellektuellen im Anhang nachzuschlagen.

Die Botschaften und der Facettenreichtum kommen an

Aber "Ein lebendiger Tag" ist natürlich viel mehr als ein Cityguide. Der Schreiber möchte seinen Lesern ein Vermächtnis hinterlassen. Das beinhaltet jedoch mehr als die eigene Person, in die wir natürlich ausgesprochen tief blicken dürfen. Mindestens ebenso wichtig ist es Doetsch allerdings, "daß wir nie vergessen uns selber zu sehen und uns dabei anzunehmen", wie es in der Einleitung von Karl Mai so treffend beschrieben ist. Dabei bewegt sich der Autor zwischen einer selbst konstatierten, regelrecht nihilistischen Bedeutungslosigkeit des Menschen oder besser der Angst davor und seinem regelrechten Drang dazu, sich ehrlich und mit einem ausgeprägten Sozialempfingen für Missstände in der Gegenwart "in die Köpfe der Menschen" hineinzuschreiben. Die sprachliche Mischung erinnert dabei manchmal an die Direktheit eines Charles Bukowski, ist jedoch gepaart mit dem feingeistigen Intellekt von Holger Doetsch, wie eine kurze Sequenz am Bahnhof Zoo zeigt:

"Seit Jahrzehnten schon pissen Stricher, Obdachlose und andere Gestrandete auch an den Sockel dieser martialisch anmutenden Kriegsfigur, TRIARIIS BELLO OCCISIS, 1914-1918, verrät mir eine Inschrift [...], doch ich frage mich, ob man diese Gestalt wirklich kennen muß. [...] Zum Anpissen herrlich, und so sorgt auch hier der Geruch dafür, daß man nicht vergißt, wo man sich eigentlich befindet."

Premiere auf der Buchmesse in Leipzig

Nachdenklichkeit und Rührung, aber auch ein herzliches Lachen sind mit "Ein lebendiger Tag" möglich. Es ist phasenweise ein schweres Buch, das Zeit braucht. Aber es sprechen auch die Vitalität und der Genuss des Lebens daraus. Doetsch legt damit zum zweiten Mal ein ausgesprochen empfehlenswertes Werk vor. Die Präsentation und der Verkauf starteten im März 2010 auf der Leipziger Buchmesse. Es folgten Lesungen in Berlin und Hamburg.

Holger Doetsch: Ein lebendiger Tag. NORA-Verlag Berlin 2010. Taschenbuch, 130 Seiten. Euro 14,00. Limitierte Hardcover-Version für 30,00 Euro, wovon 8,00 Euro einem Kinderhilfsprojekt der Deutschen Aidshilfe zukommen.

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Der Autor Holger Doetsch lebt in Berlin & Hamburg, Maximilian Fritz Der Autor Holger Doetsch lebt in Berlin & Hamburg